Die Verunglimpfung der „echten“ Horrorclowns

In den frühen Neunzigern: Meine Brüder und ich sahen im Fernsehen den Zweiteiler »es« nach der Romanvorlage von Stephen King. Wir waren von den Filmen fasziniert; sie waren verstörend, hatten dennoch eine gewisse Komik und die B-Movie-Qualität gibt ihnen heute einen gewissen Kultstatus. Kurz darauf stand in unserem gemeinsamen Bücherregal der Roman zum Film. Ganz genau, ein Horrorroman zwischen Donald Duck-Comics.

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Ein dickes, blutrotes Taschenbuch

Mein mittlerer Bruder hatte das Buch »es« im Zeitschriftengeschäft gekauft, wo wir normalerweise unsere Mickey Maus- oder Dinosaurierhefte, unsere Sticker für Stickeralben oder Schreibkram für die Schule kauften. Zuhause nahm ich das Taschenbuch in die Hand. Es war furchtbar dick und schwer, kaum für Kinderhände geeignet. Ich war höchstens zehn Jahre alt gewesen und bestaunte das blutrote Buch, das Original zu dem Pendant im Fernsehen. So etwas kann sich hinter einem Film verbergen, dachte ich und stellte das Buch wieder in das Regal. Damals fürchtete ich, dass ich niemals in der Lage sein würde, so ein dickes Buch zu lesen. Nun, dicke Bücher hatte ich im Teenageralter begonnen zu lesen, aber Stephen Kings »es« musste erstmal ein ungelesenes Dasein fristen, vierzehn Jahre lang.

Inspiration

Als ich im Jahre 2010 mein Fachabitur mit Schwerpunkt Gestaltung machte, nahm ich »es« aus dem Regal und begann es zu lesen. Unzählige Unterrichtsstunden las ich nebenher – so wie heute Schüler und Studenten ihre Flachbildschirme unter dem Tisch parat haben – dieses dicke blutrote Taschenbuch. Die Lehrer störten sich nicht daran. Es war das erste Buch, das ich von Stephen King las und es ist bis heute mein absolutes Lieblingsbuch dieses Schriftstellers. Die Begeisterung gipfelte darin, dass ich meine gestalterische Abschlussarbeit diesem Roman widmete: ich zeichnete am PC mit Grafiktablet einen vierseitigen Comic zu einer Szene der Geschichte.

Pennywise, der Clown

Auch wenn »es« ein kosmisches, weltenverschlingendes Wesen ist, das sich im Clinch mit einer ebenso kosmischen Schildkröte befindet, wird »es« am meisten mit dem Clown Pennywise in Verbindung gebracht. Zu Recht, denn dieser Horrorclown hat eine gewaltige Wirkung hinterlassen. Der Horrorclown ist in den letzten Jahrzehnten ein vielversprechendes Motiv geworden, doch ich befürchte, dass die jüngsten Phänomene ihm seinen künstlerischen Reiz rauben werden. Freunde des Horrors mögen Horrorclowns. Für Außenstehende waren sie bestenfalls nur gleichgültig. Gegenwärtig machen aktuelle Phänomene den Horrorclown kaputt. Weil irgendwelche Scherzbolde sich in den USA als (Horror-)Clowns verkleideten, mussten sich nach dieser Initialzündung auf zwei Kontinenten nun minderbemittelte Nachahmer bei Amazon billige Kostüme und schlechtentworfene Masken bestellen. Leichtsinn und kriminelle Energie wurde vermutlich gratis mit ins Paket gelegt. Horrorclowns kursierten durch die Medienlandschaft, es gab heftige Vorfälle und vermutlich wird es nächstes Jahr wieder losgehen, wenn Halloween vor der Tür steht.

Befürchtungen

Um eine Sache mache ich mir persönlich meine Gedanken: nächstes Jahr soll die langersehnte Neuverfilmung von Stephen Kings »es« in die Kinos kommen. Mit großer Spannung erwarte ich die erste Episode des vermutlichen Zweiteilers und hoffe, dass bald die ersten Trailer erscheinen. Aber einen bitteren Beigeschmack hat die Neuverfilmung. Ich vermute, das Marketing hinter dem Film wird sensationell die Gestalt des Horrorclowns Pennywise in den Vordergrund rücken und im schlimmsten Fall werden sich erneut viele Menschen aufgefordert fühlen, sich in schlechte Clownskostüme zu zwängen und Leute im Dunkeln zu erschrecken. Es ist schon ärgerlich genug, dass man nachts um Leib und Seele fürchten muss, wenn man diese Gestalten erblickt. Aber das Ansehen eines Nischenprodukts – denn das war der Horrorclown für Freunde des Horrorfilms bis zu diesem Herbst gewesen –  wird in der breiten Öffentlichkeit verständnisvollerweise einen weiteren Tiefpunkt bekommen. Man kann natürlich darüber streiten, welche Rolle das Internet für solche Nachahmungen spielt. Kostümierungen können etwas sehr Reizvolles sein. Cosplayer und Filmfreaks investieren viel Kreativität, Zeit und Geld, um wie ihre Lieblingsfiguren auszusehen. Wenn ich aber nächstes Jahr zwischen gehypten Horrorclowns im Kino sitzen muss, dann nehme ich traurig mein blutrotes Exemplar von »es« in die Hände und denke im Stillen: »Oh Pennywise, womit hast du das nur verdient?«

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