Buchkritik: „Verzehrt“ von David Cronenberg

Im Alter von siebzig Jahren schrieb der kanadische Filmemacher (der gerne mal als der düsterste Regisseur der Welt bezeichnet wird), seinen ersten Roman. Bevor ich dieses Buch las, hatte ich mir im Theater Bremen eine Adaption des Stoffs angesehen. Mir war vorher gar nicht bewusst gewesen, dass David Cronenberg ein Buch geschrieben hatte. Nichtsdestotrotz war das Theaterstück sehenswert. Aber hier soll es um das Buch, das Original, gehen.

Body Horror

David Cronenberg ist ein bemerkenswerter Filmemacher. Der Kanadier hat das Genre des „Body Horrors“ geprägt. In vielen seinen Filmen verändern sich die Körper der Protagonisten oder Gegenstände auf entsetzliche Art und Weise: in Videodrome verschmilzt die Hand der Hauptfigur mit einer Pistole, dabei entsteht eine monströse Extremität; in Naked Lunch erwachen Schreibmaschinen zum Leben und führen fortan als Mischwesen aus Maschine und Insekt ein verstörendes Eigenleben; und zuletzt verwandelt sich ein Wissenschaftler in Die Fliege selber in ein groteskes Insekt, nachdem ein Teleportationsexperiment aus dem Ruder lief. In vielen Filmen von David Cronenberg scheint eine nicht zu begreifende Bedrohung im Hintergrund ihre Finger im Spiel zu haben, welche die Protagonisten in alptraumhafte Situationen führt. Die Geschehnisse sind teilweise so rätselhaft und absurd – aber das gehört zur unverkennbaren Handschrift von David Cronenberg.

Zwei Handlungsstränge

Die beiden Hauptfiguren von „Verzehrt“ (im Englischen: „Consumed“) sind Naomi und Nathan. Sie sind beide Journalisten und Fotografen. Nathan hat sich auf das Thema Medizinjournalismus spezialisiert, nachdem er sein Medizinstudium abgebrochen hatte. Beide sind sie an grenzwertigen Stories interessiert. Dafür jetten sie gerne um den halben Globus, aber nicht zusammen. Naomi und Nathan sind an verschiedenen Stories dran, sie sehen sich im Laufe des Buches nur ein einziges Mal persönlich, stehen aber intensiv über das Internet, über alle möglichen Kanäle, in Verbindung. Nathan reist nach Budapest, um die Operationspraktiken eines zwielichtigen Chirurgen in dessen Privatklinik zu dokumentieren. Naomi wiederum reist nach Paris, um den im Internet kursierenden Gerüchten über das weltweit bekannte Philosophenehepaar Arosteguy zu nachzugehen. Von diesem Paar (vermutlich eine Anspielung auf Satre und de Beauvoir) ist ein Zitat ganz am Anfang des Buches die Rede:

„Naja, wenn man kein Verlangen mehr spürt, ist man tot. Selbst das Verlangen nach einem Produkt, einem Konsumartikel, ist besser als überhaupt kein Verlangen. Das Verlangen nach einer Kamera, zum Beispiel, sogar nach einer billigen, minderwertigen, reicht aus, um den Tod fernzuhalten.“

Und weiter heißt es:

„Deshalb sagen wir, dass die einzig wahre Literatur der modernen Zeit die Bedienungsanleitung ist.“

Das erwähnte Philosophenehepaar Arosteguy machte kürzlich Schlagzeilen: Angeblich soll Aristide seine Frau Célestine umgebracht und gegessen haben. Naomi möchte alles über dieses grauenhafte Geschehnis in Erfahrung bringen. Sie taucht in den Dunstkreis des Philosophenehepaares ab und erfährt von dessen Affären zu mehreren Studenten und Studentinnen. Sie spricht mit mehreren Personen, die mit dem Ehepaar zu tun hatten, bekommt aber keine eindeutige Antwort darauf, ob Aristide Arosteguy denn nun tatsächlich seine Frau verspeist hat oder nicht.

Währenddessen lernt Nathan in der Privatklinik des zwielichtigen Budapester Chirurgen eine Frau namens Dunja kennen, die schwer an Brustkrebs erkrankt ist. Als Medizinjournalist sieht er sich dazu berufen, den Körper von Dunja aufs Genaueste fotografisch festzuhalten. Zwischen den beiden entsteht eine eigenwillige Erotik. Dunja, deren Krebs sich immer mehr im Körper ausbreitet, ist eine typische Figur aus der Feder David Cronenbergs. Sie neigt dazu, ihre Erkrankung als ästhetisch reizvoll zu bezeichnen. Ob sich denn eine neue Ästhetik unter jungen Frauen durchsetzen wird, fragt sie an Nathan gerichtet. Eine Ästhetik des Krebses? Werden bald Frauen sich unter den Achseln Implantate einsetzen lassen, damit es so aussieht, als ob sie Tumore an den Lymphknoten haben? Als Nathan schließlich mit der schwerkranken Dunja schläft, steckt er sich mit der fiktiven Geschlechtskrankheit Roiphe an. Dieses Ereignis – so viel sei hier verraten – wird auf kurz oder lang dazu führen, dass Naomis Story über den kannibalistischen Philosophen mit Nathans Geschlechtskrankheit verknüpft wird.

Konsum, Konsum, Konsum…

Und darum geht es in „Verzehrt“: Um Konsum. Die Kamera ist das beste Beispiel. Nathan und Naomi haben ein ganz wichtiges Gesprächsthema, wenn sie chatten, skypen oder telefonieren. Obsessiv reden sie über Kameras von Nikon, alle deren Funktionen, die Verwendung eines dieses oder jenen Objektives, die Vorteile einer Spiegelreflexkamera gegenüber einem iPhones und so weiter. Und der Erzähler, den Cronenberg sich für sein Erstlingswerk in gedruckter Form ersonnen hatte, hat furchtbar viel zu tun. Er beschreibt nämlich akribisch alle technische Geräte und alle Marken  ̶  seien es nun Kameras, Smartphones oder Rollkoffer  ̶  bis ins kleinste Detail.

„Naomi ließ sich treiben, die Finger ihrer linken Hand wischten über das iPad, die der rechten bedienten das Air, beide waren im Netz, während ein paar hochinteressante SMS auf dem iPhone ankamen.“

Würde Donald Duck WhatsApp nutzen

Was soll man dazu sagen? David Cronenberg nimmt sich in seinem Buch genau das heraus, würde es in jedem Roman so ablaufen, einen Einbruch in jede Dramatik bedeuten würde. Ich habe einmal gelesen, dass es keinen einzigen Donald Duck-Comic gibt, in dem ein Handy vorkommt. Ganz einfach aus dem Grund, weil damit Probleme viel zu leicht zu lösen wären. Donald Duck müsste nicht mehr mit seinen drei Neffen mehrmals durch Entenhausen fahren, um ein Versäumnis oder Missverständnis wieder gerade zu rücken. Würden Donald, Tick, Trick und Track so etwas wie WhatsApp benutzen, dann wären die Comics, so wie wir sie kennen, nicht denkbar. In „Verzehrt“ wimmelt es nur von aufploppenden Nachrichten, Skype-Anrufen und Tweeds. Aber bei Cronenberg sind diese ununterbrochenen Lebenszeichen von anderen Personen etwas Unvermeidbares. Sie gehören zu dem Abgründen der Seele, die in dem Buch behandelt werden. Ich musste mir beim Lesen von „Verzehrt“ mehrmals die Frage stellen: Was finde ich jetzt schlimmer? Ein Philosoph, der seine Frau zerteilt und gegessen haben soll? Oder vielleicht eine Frau, die durch ihren gestreuten Krebs eine neue Ästhetik an sich entdeckt und fragt, ob es das neue Schönheitsideal bei jungen Frauen werden könnte? Oder vielleicht doch lieber Naomi und Nathan, die einen bis dato wohl kaum so krass beschriebenen Warenfetisch an den Tag legen? Weil ich mich mit Naomi und Nathan in keinster Weise identifizieren konnte  ̶  das wird wohl die Absicht des Autors gewesen sein  ̶  tendiere ich eher zu Letzterem.

Gerüchte bleiben Gerüchte

„Verzehrt“ ist eine Geduldsprobe. Naomis Recherche beruht nur auf Gerüchten. Sie ist selber hin- und hergerissen, ob sie die Geschichte mit der verspeisten Philosophin glauben kann. Als Leser habe ich in vielen Kapiteln auf eine eindeutige Auflösung der Gerüchte gehofft. Nathans Handlungsstrang, der ihn schließlich nach Toronto führt, stellt grob eine Verbindung zu den Arosteguys her, dennoch wird zu sehr an wichtigen Informationen gespart. Mehrere Nebenfiguren werden eingeführt; sie alle sind in die angebliche Sache mit der verzehrten Philosophin einbezogen, aber David Cronenberg hätte ruhig mehr auf den Punkt kommen können. Sein Erzähler ist allwissend. Mit gierigen Augen kommentiert er alle technischen Geräte, die die Figuren benutzen, er schaut in alle Köpfe hinein, er weiß leider viel zu viel, doch der Leser muss einen starken Geduldsfaden haben.

Zwar wird die Geschichte immer tiefer und verhängnisvoller, je weiter man liest, aber immer droht eine Nebenfigur oder der Erzähler zu sagen: „Könnte aber auch ganz anders passiert sein“. Das ist sehr schade. Und leider hört das Buch mitten im Geschehen, inmitten einer Verschwörung, die von der koreanischen Halbinsel ausgeht, einfach auf. Mitten im Skype-Gespräch zweier Nebenfiguren.

Trotz dieser Schwächen möchte ich dieses Erstlingswerk weiterempfehlen. Alle in dem Buch vorkommenden Figuren haben eine gewisse Ausstrahlung, wie sie nur Figuren von David Cronenberg haben können. Für Fans ein Muss. Ich jedenfalls würde eine Fortsetzung sehr begrüßen.

 

David Cronenberg:
Verzehrt
erschienen bei S. Fischer, 2014
400 Seiten

 

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