Melancholie als Thema in der „Psychologie heute compact“

Als ich vor kurzer Zeit in Hannover die kurze und hektische Zeit zwischen zwei Zügen in einem Zeitschriftengeschäft verbrachte, erregte eine Überschrift meine Aufmerksamkeit: Melancholie. Eine Ausgabe der „Psychologie heute compact“ widmet sich diesem Gemütszustand. Ich möchte mit diesem Beitrag auf einige Schwerpunkte dieser Zeitschrift eingehen und sie kurz zusammenfassen, möchte meine Gedanken dazu mitteilen, denn die Zeitschrift hat mich sehr beeindruckt.

Melancholie im Laufe der Zeit

In der Antike galt die Melancholie als einer der vier Gemütszustände, mit denen sich Menschen in die „Vier-Säfte-Lehre“ einteilen ließen. Der Choleriker gilt auch heute als jähzornig und unbeherrscht, der Phlegmatiker als lahm und schwerfällig. Der Sanguiniker – dessen Bezeichnung heute aus dem Wortschatz verschwunden zu sein scheint – bezeichnet einen heißblütigen, lebensfrohen Menschen. Und der Melancholiker gilt als gedankenversunken (bzw. wie ich in der Zeitschrift lernen durfte: kontemplativ) und trübsinnig. In der Antike glaubte man, den Melancholikern fließe nicht nur Blut durch die Adern, sondern auch schwarze Gallenflüssigkeit. Mela gilt ja gemeinhin als Schwarz und die eingeschlichene Gallenflüssigkeit wurde für die Kontemplation der Melancholiker verantwortlich gemacht. Philosophen, Dichter und Wissenschaftler wurden schon früh mit Melancholie assoziiert. Die „Psychologie heute compact“ schreibt, ohne Muße, Grübeln und Zweifel waren bedeutende Werke, tiefe Gedanken, weitreichendes Planen und Handeln nicht möglich. Sehr schön finde ich, wie in der Zeitschrift mehrmals auf bedeutende Kunstwerke eingegangen wird. So wird Alfred Dürers Melencolia I oder auch Edvard Munchs Melancholie erwähnt. Die Gemälde sind vom Kunststil grundverschieden, weisen aber eine Gemeinsamkeit auf: Eine in Gedanken versunkene Gestalt. An dieser Stelle vielleicht noch ein Hinweis an meinen Blogbeitrag zum Film „Melancholia“, in dem gewisse Gemälde für die Protagonistin eine Ausdrucksmöglichkeit darstellen.

Wo Melancholiker nicht hingehören

In heutigen Zeiten erscheint die Melancholie nicht mehr so schick und beneidenswert wie früher. Umwälzungsprozesse wie die Industrialisierung, der naturwissenschaftliche und technische Fortschritt im Dienste des Kapitalismus und die Entzauberung der Welt drohen den Melancholiker immer mehr auf das Abstellgleis zu drängen. Ihm ist ein stetes Vorwärtsgehen zu mühsam, heißt es in der „Psychologie heute compact“, denn er ist von Natur aus eher bewahrend. „Daher passt er weder in die aggressive Vorherrschaftspolitik der letzten 250 Jahre noch in technokratische Strategien zur Überwindung überfälliger Gesellschaftsstrukturen“, heißt es von Hannelore Hippe auf Seite 17. Auch Ulrich Horstmann, der in der Vergangenheit einige Beiträge zur Melancholie veröffentlicht hatte, meint in einem Interview mit Birgit Weidt auf Seite 27: „Die Gegenwart bringt diese Toleranz [gegenüber Melancholikern] nicht auf. Wie so viele andere Epochen hat sie eine Mission: Fortschritt und Vernetzung. Sie verehrt Computer und Smartphone als Heiligen Gral, einen plattgestampfen viereckigen Kelch, der um Himmels willen an niemanden vorübergehen soll und auf offener Straße endlos befingert und betätschelt wird. Wo sich das Heil so schamlos ausmacht, hat die Schwermut nichts verloren“.

Da muss ich gleich einige Seiten wieder nach vorne blättern, denn da steht geschrieben, der Melancholiker sei „ein lausiger Konsument“. Er interessiert sich wenig für Modeerscheinungen, er ist schlecht zu vermarkten und letztlich in unserer Konsumgesellschaft ein Fremdkörper, der sich nicht anpassen kann und möchte. Liebe Frau Hannelore Hippe, vielen Dank für diese entlastenden Worte, für dieses Verständnis.

Melancholie ≠ Depression

Viele der Artikel dieser Zeitschrift legen großen Wert darauf, Melancholie nicht mit Depression zu verwechseln. So wird Sigmund Freud erwähnt, der die beiden Begriffe miteinander vermischte, was heute durchaus auch noch passieren kann. Vor einigen Jahren war ich bei einem Endokrinologen, um einmal meinen Hormonhaushalt gründlich untersuchen zu lassen. Ich war gespannt darauf, ob meine angeborene Melancholie irgendwie mit meinem Hormonhaushalt in Verbindung steht, darum erklärte ich dem Arzt, ich sei häufig sehr melancholisch und leide gelegentlich an Schwermut. Als ich nach mehreren Terminen Einsicht in die Testergebnisse bekam, sah ich, was der Endokrinologe alles handschriftlich notiert hatte, als ich über meine Melancholie sprach: dort stand etwas wie „depressive Verstimmung“. Da bemerkte ich, welche Verwirrung sich noch heute hinter dem Begriff verbergen kann.

Ulrich Horstmann, der in der „Psychologie heute compact“ interviewt wurde, betont, ein Depressiver wolle keineswegs in eine akute Despression zurückfallen. Er oder sie meidet diesen Zustand wie die Pest. Der Melancholiker jedoch, er kann seinen Trübsinn genießen. Vorrausgesetzt, er akzeptiert ihn, formt ihn, nutzt ihn. Für alle Vorteile, die eine gesunde Kopfhängerei mit sich bringen kann. Der Tenor der Zeitschrift ist: Akzeptanz für Melancholie in der Gesellschaft schüren. Aber auch: Akzeptiere dich als Melancholiker.

 

Ich kann allen Lesern, die ich neugierig machen konnte, nur empfehlen, sich diese Ausgabe der „Psychologie heute compact“ zu besorgen. Auch wenn ich lediglich einen kleinen Teil des Heftes hier anreißen konnte, war es mir doch ein großes Bedürfnis, darauf aufmerksam zu machen. Ich werde mich wohl in Zukunft mit den Schriften von Ullrich Horstmann zum Thema Melancholie vertraut machen. Falls es dazu etwas zu berichten gibt, scheint mir ein Blogeintrag diesbezüglich als sehr wahrscheinlich.

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