„Das Tal der Issa“ – Einblicke in das Leben des Vorbesitzers

In einem Second-Hand-Kaufhaus habe ich prüfend vor einem Bücherregal gestanden. Wer weiß, was für Schätze man unerwartet dort finden kann. Meine Augen sind darauf geschult, schlichte Buchrücken aus einer Unmenge von überillustrierten Buchrücken herauszufiltern. Und da blieben meine Augen an einer mir herzerwärmenden Schriftart kleben: ich zog ein Suhrkamp-Taschenbuch aus dem Regal. Eines, das in meinem Artikel „Geheimnisse in gebrauchten Büchern“ einen Platz ganz oben verdient hätte, aber die Geheimnisse dieses Exemplars sind so zahlreich, sie sollten für einen eigenen Blogbeitrag reichen.

Es handelt sich um „Das Tal der Issa“ des polnischen Schriftstellers Czesław Miłosz. Meiner polnischstämmigen Lebensgefährtin, die neben mir stand, sagte ich mühevoll den Namen des Autors vor. So schlecht stellte ich mich wohl nicht dabei an; dass sich der Buchstabe „ł“ ähnlich wie unser „w“ ausspricht, aber ohne die dabei die Zähne an die Unterlippe zu setzen, daran konnte ich mich erinnern. Zugeben: Czesław Miłosz, ein Literaturnobelpreisträger, hatte mir vorher rein gar nichts gesagt. Mit slawischer Literatur hatte ich sowieso nichts am Hut.

Es sprachen aber mehrere Gründe dafür, dieses Buch zu kaufen: Erstens – und es ist gleichzeitig der wichtigste, wenn auch eitelste Grund – es ist ein Suhrkamp-Taschenbuch. Es ist einfach mein Lieblingsverlag. Ob nun Belletristik- oder Wissenschaftstaschenbuch, es sind Handschmeichler und sie strotzen von Zweckmäßigkeit. Und angesichts von erwähnten überillustrierten Bucheinbänden erkenne ich darin einen ästhetischen Wert. Und beim „Tal der Issa“ ist dieser etwas spezieller gehalten: nicht nur dass dieses Exemplar größer ist als meine „normalen“ Suhrkamp-Taschenbücher von Hesse, Walser und Frisch geraten ist, die Buchstaben sind auf Vor- und Rückseite eingestanzt und glänzen in einem Dunkelgrün. Wirklich sehr schön.

Zweitens: ich habe, wie gesagt, noch nie etwas bewusst gelesen, was östlicher als Mecklenburg-Vorpommern entstanden ist. Was würde sich besser eignen, als ein großes Werk eines polnischen Literaturnobelpreisträgers? Gelegenheit macht Liebe, wie ich vor neun Jahren bei einer polnisch stämmigen Frau feststellen durfte.Der dritte Grund ist simpel, geradezu plump: das Second-Hand-Kaufhaus hatte das Taschenbuch für einen einzelnen Euro etikettiert.

Eben sprach ich von Mecklenburg-Vorpommern, und zwar nicht nur, um meine Leseerfahrungen geographisch abzustecken. Ganz hinten im Taschenbuch kamen ganz viele Lebenszeugnisse des Vorbesitzers oder der Vorbesitzerin zutage. Es sind sage und schreibe neun Zeugnisse in Papierform. Und ich kann sie fast allesamt chronologisch ordnen. Es beginnt damit, dass die Person am 19. August 2004 aus der Wochenzeitung „Die Zeit“ einen Artikel über Czesław Miłosz ausgeschnitten hatte. Der Schriftsteller war fünf Tage vorher im Alter von 93 Jahren verstorben.

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Zum Zeitungsartikel gesellt sich noch ein weiterer Schnipsel, auf dem ein Gedicht mit dem Namen „Wo immer“ abgedruckt wurde.

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Das nächste Lebenszeugnis klebt im Suhrkamp-Taschenbuch . Hinten im Umschlag ist ein Aufkleber zu entdecken, der auf eine Buchhandlung im mecklenburgischen Wolgast schließt. Der Aufkleber ist mit dem 23. August 2004 datiert. Das Buch hatte 12,00 Euro gekostet. Das Wort „haas“ ist zu erkennen. Vermutlich der Vorbesitzer / die Vorbesitzerin? Jedenfalls wurden die Zeitungsauschnitte sorgsam hinter den Buchumschlag gelegt, wo sie mit allen weitern Zeugnissen, die ich noch aufzähle, überdauerten.

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Der 26. August lässt sich detailreich rekonstruieren. Die Person hatte um 13:40 Uhr eine Rechnung im „Traditionscafé Asgard“ von einer Angestellten namens Peggy entgegengenommen. Die Person, mit dem „Tal der Issa“ in der  Tasche, saß mit einer Begleitung an Tisch 4. Bestellt wurden ein Wiener Kaffee (vermutlich ein Großer Brauner mit viel Milch, wie die Wiener sagen) und einen Milchkaffee (wo liegt denn bitte der genaue Unterschied?) Einer der beiden aß außerdem Stück Himbeer-Käsekuchen und trank – es gab wohl etwas zu feiern – ein Gläschen Champagner. Obwohl ich mir bei dem Preis von 2,50 Euro eher denke, dass es schlichter Sekt gewesen sein muss. Der Besuch im Café fand übrigens im Seeheilbad Bansin statt, östlich von Wolgast gelegen.

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Nach Wolgast kehrte die Person, die „Das Tal der Issa“ herumtrug, am Abend zurück. Sie kehrte ein in ein Lokal mit dem Namen „Alter Speicher“. Dort aß sie an Tisch Nr. 2 ein Gericht, welches auf der Rechnung schlicht als „Matjes“ bezeichnet wird. Dazu trank die Person ein mecklenburgisches Lübzer-Bier.

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Das nächste Lebenszeugnis lässt vermuten, dass der Vorbesitzer / die Vorbesitzerin ein Konzert in der St. Petri-Kirche zu Wolgast besucht hatte. Um 20:00 Uhr begann eine Aufführung für zwei Trompeten, zwei Zinken und einer Orgel. Es ist ein Flyer im A5-Format, doppelseitig bedruckt, mit den Namen der MusikerInnen und den aufgeführten Stücken.

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Damit endet der 26. August 2004 für die unbekannte Person, aber weitere Lebenszeugnisse sind hochspannend. Am 30. August erschien ein weiterer Zeitungsartikel über Czesław Miłosz, dieses Mal in der „Süddeutschen Zeitung“ wie eine handschriftliche Notiz hinweist. Auch er wurde fein säuberlich gefaltet, um im Suhrkamp-Taschenbuch die Reihe an persönlichen Erinnerungen zu ergänzen.

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Außer der Reihe stehen zwei letzte Stücke. Der Vorbesitzer / die Vorbesitzerin benutzte als Lesezeichen eine Postkarte. Darauf ist ein Gemälde von Pablo Picasso mit dem Titel „Zwei sitzende Frauen“ abgedruckt. Nun ist es mein Lebenszeichen, denn inzwischen habe ich mit der Lektüre von „Das Tal der Issa“ begonnen.

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Und das letzte Schmankerl: ein kleiner abgegriffener, knittriger Flyer zu einer Punkrock-Konzertreihe in Ratingen / Nordrhein-Westfalen. Die Veranstaltungen fanden 2003 statt, also ein Jahr vor dem Tode von Czesław Miłosz.

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Man kann das Taschenbuch, die Zeitungsartikel, die Rechnungen und den Flyer zum Kirchenkonzert in einen zeitlichen und räumlichen Zusammenhang bringen. Ratingen kann ebenso gut der Lebensmittelpunkt des Vorbesitzers / der Vorbesitzerin gewesen sein wie Wolgast bzw. Bansin an der Ostsee. Ratingen liegt im Landkreis Mettmann, wo das erwähnte Second-Hand-Kaufhaus steht. Im Landkreis Mettmann bin ich seit einigen Monaten wohnhaft. Vermutlich fand das Exemplar vom „Das Tal der Issa“ irgendwie den Weg von Ratingen in das Kaufhaus. Vielleicht war der Aufenthalt in Mecklenburg-Vorpommern eine Urlaubsfahrt in die Heimat, zu Freunden oder Familienmitgliedern. Oder es ist andersherum. Vielleicht wurde das Taschenbuch in Ratingen vergessen oder dorthin weiterverschenkt, mit allen geheimnisvollen Inhalten hinter dem Schutzumschlag. Und dann wurde es dem Second-Hand-Kaufhaus gespendet. Zu guter Letzt kam ich als Frischzugezogener um die Ecke und fand mit dem Exemplar einen Anlass für einen Blogbeitrag.

Eine Person, die Punkrock und Kirchenmusik unter einen Hut bekommt, finde ich übrigens faszinierend.

 

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