Verschollen im Sturm Xavier mit Franz Kafka

Sturm Xavier überraschte am Donnerstag, den 5.10.2017 ganz Norddeutschland. Mich ebenso, als ich von NRW nach Bremen fahren wollte. Lange Warteschlangen mit steckengebliebenden Pendlern in den Hauptbahnhöfen bezeugten den brachliegenden Eisenbahnverkehr. Passenderweise besuchte ich eine musikalische Inszenierung über Franz Kafkas „Der Verschollene“.

Eine beschwerliche Reise nach Bremen

Eigentlich befand ich mich schon Donnerstagnachmittag auf dem Weg in meine Heimatstadt Bremen. Am Tag darauf wollte ich eine Theaterumsetzung von Franz Kafkas Romanfragment „Amerika“ bzw. „Der Verschollene“ im Theater Am Goetheplatz sehen. Der Zug fuhr erst wenige Minuten durch Solingen, dann brachte eine defekte Oberleitung die Fahrt zum Erliegen. Zwei Stunden verharrten wir Fahrgäste in immer stickiger werdenden Waggons, bis eine Ersatzlok uns zurück nach Solingen brachte.
Die Aussagen der zu Recht genervten und erschöpften Menschen sowie ein Blick ins mobile Internet erschwerten die Fahrt in den Norden weiterhin: ganz Norddeutschland wurde gerade vom Sturm Xavier heimgesucht. Jeder Bahnverkehr kam zum Erliegen.
Bei einer ordnungsgemäßen Fahrt nach Bremen wäre ich wohl in Münster oder Osnabrück verschollen gegangen. Zurück in Solingen konnte ich meine Fahrt vertagen und nach Hilden zurückkehren. Eine Fahrt mit dem Fernbus sollte mir tags darauf den Genuss des Theaterstücks ermöglichen.
Doch es kam etwas anders.

Bloß ein Konzert?

Die Umstände durch Sturm Xavier saßen nicht nur mir, sondern allen Menschen in Norddeutschland in den Knochen. Dies war im Fernbus und im Bremer Hauptbahnhof deutlich zu sehen und zu spüren. Zwei Stunden vor der Vorstellung las ich eine Mail vom Theater Am Goetheplatz: die Schauspieler seien nicht zugegen. Warum?
Weil sie wegen des eingestellten Bahnverkehrs nicht nach Bremen hineinfahren konnten. Stattdessen sollte es ein Konzert geben. Der Abend sollte unter alleiniger musikalischer Wirkung der Prager KAFKA BAND stattfinden. Die Musiker gehören zum Ensemble und waren alle vor Ort. Aus der Not wollten sie eine Tugend machen und ohne schauspielerische Darbietung  ihre Lieder vorspielen. Das Theaterpersonal war sichtlich bedrückt und auf den Fluren wirkten viele Besucher unentschlossen und zaghaft.
Konnte es ein lohnenswerter Theaterabend werden?

Karl Rossmann als Puppe

Beim Betreten des Saales fiel eine einsame Requisite auf:
Eine männliche Puppe, gekleidet in einen schwarzen Anzug, die todtraurig auf der Bühne sitzt und über einem Koffer hängt. Dies konnte nur Karl Rossmann sein, der Protagonist von „Amerika“ bzw. „Der Verschollene“. Ansonsten gab es kein eigentliches Bühnenbild. Bloß die Instrumente der KAFKA BAND standen stumm im Hintergrund. Der Regisseur des Stückes, Alexander Riemenschneider, kam sichtlich verlegen auf die Bühne. Er war erfreut und gerührt, da so viele Gäste geblieben sind, trotz Programmänderung, und betonte, wie der aktuelle Sturm Xavier das Theaterstück entzweite. Man wurde gewahr: Die Schauspieler sind im Sturm ähnlich verschollen wie der Protagonist Karl Rossmann in den USA. Inzwischen hatte die neunköpfige KAFKA BAND ihre Plätze auf der Bühne eingenommen. Einige der tschechischen Muttersprachler sprachen deutsch und hielten vor dem Publikum mit dem Regisseur interessante Zwiesprache. Zwischen den Liedern entstand ein humoristisches Bühnenprogramm, improvisiert und ehrlich.

Mechanisierung der Arbeitswelt

Die neun Musiker gaben trotz der ungünstigen meteorologischen Situation ein wunderbares Konzert. Die Musik war eindringlich und abwechslungsreich. Und die schlaksige Puppe, die auf dem Koffer verharrte, wurde von einem professionellen Puppenspieler zum Leben erweckt. Als ich das Gesicht der Puppe erstmalig sah, bemerkte ich zwischen dem Pokerface des Karl Rossmann eine Ähnlichkeit mit Franz Kafka höchstpersönlich. Die Gestalt strich minutenlang mit den Fingern über den kostbaren Koffer. An anderer Stelle nahm die Puppe den eigenen Kopf in die Hand und blickte sich im Saal um. Der gespenstischer Anblick eines kopflosen Verschollenen. Wie das Publikum erfuhr, gab die Band den Stücken bewusst einen elektronischen Einschlag, anders als noch bei Kafkas „Schloss“. Die Musiker hatten sich damals folgende Frage gestellt: Wenn es im Herrenhof, einem Schauplatz im verschneiten Dorf des „Schlosses“ eine Musikerkapelle gab, die im Hintergrund aktiv war, wie würde diese Musik klingen?
In „Amerika“ klang manche Passage martialisch, grotesk und durch den Einsatz von Synthesizern und verzerrten Stimmen technologisch aufgerüstet. Die Absicht war,  die Mechanisierung der amerikanischen Arbeitswelt zu beschreiben. Einer der Sänger erwähnte gegenüber dem Publikum die Firma von Karl Rossmanns Onkel. Ein millionenschwerer Konzern, der aber nichts produziert, sondern nur kauft und weiterverkauft.
Sprich: eine Art Amazon, der überall seine Finger im Spiel hat.

Ein Germanistikseminar

Mit solchen Wortmeldungen neben den Musikstücken wurde das Publikum rund 90 Minuten unterhalten. Regisseur und Sänger sprachen über den Roman und wie sie ihn für die Bühne umsetzten: Die Musiker waren in ein verschneites Haus im tiefsten Böhmen gezogen. Von draußen peitschte ein Schneesturm gegen die Fenster. Wurde nicht gerade komponiert, so wurden regelrechte germanistische Seminare über Franz Kafkas Buch abgehalten. So wie es gerade jetzt hier im Saal geschehe, bemerkte der Regisseur und blickte ins Publikum. Für alle Gäste erläuterte er die zwei Bezeichnungen des Buches: Kafka selbst hatte sein Werk „Amerika“ genannt, aber sein Freund und Nachlassverwalter Max Brod nannte es später „Der Verschollene„. Auch kam vom Regisseur die Frage, wer denn überhaupt im Saal die Buchvorlage gelesen hatte.
Ich saß in der fünften Reihe, hatte also praktisch den ganzen Saal hinter mir. In meinem Sichtfeld hoben sich nur zwei Hände. Eine fremde und meine eigene.

Ich gehe doch nur auf die Toilette!“

Nicht nur ich nahm eine Anreise voller Strapazen in Kauf, um diesem Abend beizuwohnen. Der Puppenspieler, so erzählte er, kam aus Hamburg extra mit dem Taxi nach Bremen, um noch rechtzeitig an der Vorstellung teilzunehmen. Dafür gab es einen aufrichtigen Applaus. Zu fortgeschrittener Stunde öffnete sich plötzlich auf der Bühne eine Nebentür, nur einen Spalt breit. Der Regisseur bemerkte es und rief einen mittelgroßen Mann in Jeans und Kapuzenpullover hinein. Der Mann war Alexander Swoboda, einer der Darsteller des Stücks. Der Sturm Xavier hatte sich im gegenüber gnädig gezeigt. Nun stand er locker auf der Bühne. Zuvor versteckte er heimlich eine Bierflasche neben der Tür. Lustige Momente wie diesen gab es viele. Als beispielsweise nach einem Lied eine Gruppe studentisch wirkender junger Frauen und Männer den Saal verließ, nahm der Regisseur dies stumm hin. Später verließ ein einzelner Mann seinen Platz und wollte entschwinden. „Na, wollen Sie auch schon gehen?“, rief der Regisseur ins Mikrofon.
Ich gehe doch nur auf die Toilette!“, rief der Mann zurück.

Franz Xavier

Aufgrund des Sturmes konnte ich das eigentliche Bühnenstück nach Franz Kafkas „Amerika“ bzw. „Der Verschollene“ nicht erleben. Aber das Ensemble nebst Regisseur hatten garantiert, einen Abend mit spontanem Rahmenprogramm erlebt zu haben, den es so schnell nicht wieder geben wird. Es war ein Konzert mit Anekdoten und einer Art Making-of. Da ich inzwischen wieder in Hilden verweile, werde ich vorerst keine weitere Vorstellung erleben. Aber das ist nicht schlimm. Der Abend im Theater Am Goetheplatz war elegant gelöst und unvergesslich. Um die besonderen Umstände ein letztes Mal zu erwähnen, sprach der Regisseur beim Verlassen der Bühne:
Dies war Amerika, nach einer Vorlage von Franz Xavier!“

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