Buchkritik: „Dämonen. Hansens Geschichte“ von Jürgen Domian

Vor fast einem Jahr endete die Telefon-Talkshow DOMIAN.
20 Jahre lang bekamen die Zuhörer und Zuschauer bisweilen Nacht für Nacht die Abgründe der menschlichen Seele präsentiert.
Der Moderator Jürgen Domian legt mit „Dämonen“ endlich seinen dritten Roman vor. Darin verarbeitet er erneut zwei seiner prominenten Lebensthemen: die Isolation in Lappland und den Tod.

Der Protagonist heißt Hansen, er ist freiberuflicher Dokumentarfilmer und lebt in Berlin. Er ist 59 Jahre alt und fasst den Entschluss, an seinem 60. Geburtstag, dem 21. Dezember (Domians Geburtstag) in Schwedisch-Lappland zu sterben. Für seinen Freitod hat er sich – obwohl Atheist – ein religiös anmutendes Szenario ausgedacht:
Hansen möchte in der längsten Nacht des Jahres nackt im Schnee liegen, unter dem sternenklaren Himmel, sich mit einer Flasche Whiskey betrinken und bei Minus 30 Grad erfrieren. Er möchte sein Leben beenden, das ihm verbraucht und lästig vorkommt,
eins mit der rauen Natur werden und mit seinen Überresten den wilden Tieren Nahrung bieten. „So soll es also sein“, denkt Hansen.
Dies beschließt er im Frühling, und damit beginnt der Roman.

Wilde Maus

Ein ähnliches Szenario gab dieses Jahr im Kino: im österreichischem Spielfilm
„Wilde Maus“ von und mit Josef Hader. Hader spielt den Musikkritiker einer Wiener Tageszeitung. Er wird gekündigt und seine bürgerliche Existenz gerät immer weiter an den Abgrund. Am Ende des Filmes – das Filmplakat verriet es – sitzt Hader im österreichischen Neuschnee, in Unterhose, mit einer Flasche Whiskey sowie Schlaftabletten in der Hand und möchte sich – zwischendrin lacht er – das Leben nehmen. Dies ist eine bemerkenswerte Ähnlichkeit zwischen zwei Werken, die im gleichen Jahr erschienen sind.

Hoch im Norden

Schon in seinem Roman „Der Gedankenleser“ schickte Jürgen Domian seinen Helden in die nordische Isolation, nach Finnisch-Lappland. „Dämonen“ spielt im Nachbarland Schweden, wohl aber auf den ähnlichen Breitengraden wie der Vorgängerroman. Wieder einmal beschreibt Domian eindrucksvoll die nordischen Wälder, spiegelglatte Seen, karge Hochplateaus und moosige Tundren. Die Monate bis zu seiner Todesnacht verbringt Hansen hauptsächlich mit Wanderungen. Der Erzähler beschreibt besonders eindrucksvoll die Übergänge zwischen den Jahreszeiten: wie die grünen Landschaften im Indian Summer durch ein Farbfeuerwerk erglühen, bevor am Jahresende alles unter einer reinweißen Schneepracht verschwindet. Domians Faszination für diese Ländereien bot weiterhin reichhaltigen Stoff für seinen dritten Roman. Nachdem Hansen in seiner gemieteten Hütte im schwedischen Wald ankam, vergehen noch viele Monate bis zu seiner Selbsttötung. Die unberührten Landschaften von Nordeuropa stehen im krassen Gegensatz zu den Prozessen, die Hansen durchlebt. Die Isolation ermöglicht erst diese Prozesse. In Hansen steigen die Dämonen seiner Vergangenheit aus der Tiefe.
Schon bald empfindet er sich selber als verschmutzt und schuldhaft. Während einer Wanderung verschlimmern sich die inneren Prozesse so weit, bis tatsächlich ein Dämon neben ihm steht: eine große, gesichtslose, in schwarzen Lumpen gekleidete Gestalt.
Sie sagt zu Hansen, sie werde am 21. Dezember sein stiller Diener sein, ihm den rechten Weg in den Tod zeigen.

Lebensbejahende Nebenfiguren

Die inneren Prozesse machen den Großteil des Buches aus. Hansens erwachsener Sohn Philipp und sein einziger Freund Kay sind wichtige Nebenfiguren, die mit ihren Einstellungen zu Leben und Tod immer wieder auf Hansen losgelassen werden,
ob per Mail oder in seinen Erinnerungen. Das bringt Dynamik in die lappländischen Landschaften. Philipp hatte vor einigen Jahren ein Nahtoderlebnis und ist ein hochspiritueller Mensch. Dies belächelt Hansen bisweilen. Einzig seinem Freund Kay gesteht er die Selbsttötungspläne. „Ich glaube nicht an den Tod in dir“, sagt Kay, nachdem sie in Berlin gemeinsam weinten und sich für immer verabschiedeten.
Und in seinem Exil gerät Hansen in eine Tragödie: der Vermieter seiner Hütte, Ingvar, ein deutschsprechender Schwede, besucht den vereinsamten Hansen und gesteht ihm den baldigen Tod seiner Frau Astrid. Sie ist unheilbar an Krebs erkrankt. Hansen besucht das Ehepaar im nahegelegenen Dorf. Astrid geht beherzt mit ihm um, obwohl sie sich nur wenige Male trafen und kaum miteinander sprachen. Jetzt im Angesicht von Astrids nahendem Tod ist Hansen ganz außer sich: vor ihm steht eine lebensbejahende Frau,
die ihren Mann zurücklassen muss. In den Wochen zuvor schob er Gedanken an Philipp und Kay beiseite, konzentrierte sich auf seine Polarnacht am 21. Dezember.
Nun erspürt er das große Unglück, welches er Philipp und Kay durch seine Selbsttötung antäte.

Zitate, Zitate

Der Roman hat eine Besonderheit: der Erzählfluss wird sehr oft durch Originalschriften von Philosophen und Mystikern unterbrochen. Dies funktioniert mal gut, manchmal weniger gut. Einige Zitate sind zudem so lang, dass sie eine Buchseite in Anspruch nehmen. Und dann wirken sie als Hilfestellungen zum Roman, manchmal als oberlehrerhafte Exkurse, der den Leser suggerieren, man verstünde den Roman ohne sie erheblich schlechter. Dagegen ist es wunderbar, wenn Hansen sich daran erinnert,
wie er als Kind ein Lied vorgetragen bekam und dieses Gedicht dann tatsächlich abgedruckt ist. So als wären es Hansens Gedanken, seine Erinnerungen.

Fazit

Jürgen Domians Roman gelingt es, neben den prächtig beschriebenen Landschaften ein beklemmendes Gefühl auszulösen. Manchmal liest er sich wie ein Horrorthriller.
Dies waren meine persönlichen Highlights. Über einige zu allgemein geschriebenen Sätze und Formulierungen kann man getrost hinwegsehen, auch über den manchmal nervös anmutenden allwissenden Erzähler. Die Gegenwartsform bringt dem Leser die Geschichte näher, als ihm lieb ist. Er liest eine interessante Auseinandersetzung mit dem Thema Freitod.

Man kann spekulieren, wie stark sich Domian in der Figur des Hansen verarbeitet hat.
In diesem Jahr, dem 21. Dezember 2017, wird Jürgen Domian 60 Jahre alt, wie sein Protagonist. Dies hinterlässt einen bitteren Geschmack auf der Zunge. Während der Lektüre dachte ich öfter heimlich: „Hoffentlich bringt sich Domian nicht an seinem sechzigsten Geburtstag in Lappland, seinem Sehnsuchtsort, um.“

Für Fans der ehemaligen Telefon-Talkshow Domian ein Pflichttitel.

 

Jürgen Domian – Dämonen. Hansens Geschichte
Gütersloher Verlagshaus
189 Seiten
Gebundene Ausgabe
17,99 Euro
ISBN: 978-3-579-08691-0

 

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